Zeitraum

Baugeschichte

Die Jacobikirche ist im sogenannten”Alten Dorf”, dem ältesten Stadtteil Stendals, gelegen. “Steinedal” muß bereits vor der ersten urkundlichen Erwähnung 1022 unter den Besitzungen des St-Michaelsklosters zu Hildesheim eine gewisse Bedeutung und demzufolge auch eine Kirche – wohl an dieser Stelle – gehabt haben.

Auch der kleine romanische Altarleuchter von St. Jacobi (Kopie im Altm. Museum) weist nach Hildesheim.
Er dürfte aus der von Bischof Bernward ins Leben gerufenen Werkstatt stammen.

Im 11. Jahrhundert wird an der Stelle, an der heute die Jacobikirche steht, die erste Steinkirche errichtet worden sein, die dann um 1200 durch eine, heute noch erkennbare, romanische Anlage ersetzt wurde. Diese Feldsteinkirche mit fast quadratischem Grundriß und einem quadratischen Turm mit Eingangshalle im Westen ist zu jener Zeit für die Altmark ungewöhnlich, zumal es sich um einen dreijochigen Hallenbau gehandelt haben soll. Der Altar dieser romanischen Kirche befand sich in der Apsis zwischen den beiden, von diesem Bau heute noch stehenden Feldsteinpfeilern im Innern unserer Kirche.

Der alte Turm der Jacobikirche wurde im Jahre 1701 durch Blitzschlag zerstört, 1704 wieder aufgebaut und stürzte am 30.4.1808 in sich zusammen. Beim Wiederaufbau 1900 bis 1902 kam das alte Hauptportal mit dreigestufter Laibung vom Inneren der Vorhalle nach außen. Ein zweites schlichtes romanischer Rundbogenportal findet sich noch im alten Mauerwerk auf der Nordseite unserer Kirche.

Oberhalb der Fenster lassen sich beim Gang um die Kirche die einzelnen Bauabschnitte klar erkennen:
Der älteste Teil der heutigen Kirche ist die drei westlichen Joche des Hauptschiffes. Baubeginn war hier 1311. Davon zeugt eine Steintafel, die für die Unterstützung des Kirchbaues Ablass versprcht

,Am Osterfest 1311 nach Christus hat mich der Provisor Dencke errichtet neu. Gott schenke denen, die mich erbauen, die Freude des Lebens. Wer hier Christi Vergebung sucht findet sie für sich bereit. 1210 Tage Ablaß empfängt er gleich. Der höchste päpstliche Stuhl gewährte sie, damit dieser Bau dauerhafter sei.”

Die Erweiterung wurde damals notwendig, weil für die Jacobigemeinde in dieser aufblühenden Hansestadt die kleine Dorfkirche nicht mehr ausreichte. Zunächst erweiterte man also das Schiff um drei Joche und bediente sich des für unsere Stadt so bedeutsamen Backsteinbaues. Der einjochige Chor schloß über 4 Achteckseiten.

“Die Form der Apsis und der achteckigen Schiffspfeiler ist von der Petrikirche abhängig. Die jüngere Stilstufe kommt in dem schlankeren Aufbau der Pfeiler und in der Steigerung der Höhenmaße zum Ausdruck. Nach der Mitte des 14. Jahrhunderts fügte man an die Nordseite des Chores eine rechteckige, auf Gewölbe angelegte, aber mit Flachdecke ausgeführte Sakristei an und erneuerte die drei Westjoche des Schiffes In formaler Angleichung an den Ostteil. Zwischen den beiden Abschnitten wurden rechteckige Pfeiler aus Granitquadern beibehalten, die wahrscheinlich als Wandstücke der spätromanischen Apsis zu deuten sind.”

(So: L.Schürenberg: Deutsche Bauten 1920, Stendal S. 39).

So wäre der romanische Ostabschluß der alten Anlage und die statische Notwendigkeit der verbleibenden beiden Pfeiler erklärt. Die Erweiterung des Hohen Chores aus den Jahren 1460-1469 hat die noch vorhandenen Farbfenster des 14. und die Neuanfertigungen des 15. Jahrhunderts aufgenommen. Der eingestürztte Turm wurde erst 1902 neu errichtet

Ausstattung

Die Kirche ist um des Gottesdienstes willen erbaut worden. Bemerkenswert ist die Austattung der Kirche aus 700 Jahren.
Der erste Blick fällt auf den unvergleichlich schönen Lettner, entstanden um 1500. Sein architektonischer Aufbau, die fast in die Horizontale gedrückten Spitzbögen und die stark gebogenen “Fialen”, kennzeichnen ihn als ein Werk spätester Gotik. Mit seinen Apostelfiguren, der Marienkrönung und der Kreuzigungsgruppe darüber dürfte er im Zusammenhang mit der Vollendung des Hohen Chores angefertigt worden sein. Obwohl mit der Reformation die Chorschranke ihre Funktion verloren hatte blieb dieses Kunstwerk in der Jacobikirche erhalten. Die evangelische Gemeinde, die angesichts dieses Kunstwerkes Sonntags Gottesdienst feiert und am Altar zum Tisch des Herrn kommt, wird durch die Heiligenfiguren aus alter Zeit an das Zeugnis des Glaubens gemahnt.

In den spätgotischen Chorraum fügt sich der Renaissancealtar des Jahres 1602 organisch ein. Er wird als Meisterstück dem “Bildthauer und Zimmermann” Hans Hacke aus Werben zugeschrieben, verrät aber eine starke Abhängigkeit von den großen, aus dem Magdeburger Dom bekannten Grabmälern des Hans Klintzsch und Sebastian Ertle. Im Aufbau erinnert dieser Altar noch an die gotische .Retabel”. Auch die geschwungenen Gestalten in den sie ganz umhüllenden Gewändern sind fast noch gotisch und doch sprechen die Horizontalen und Vertikalen mit ihrem Beiwerk die Sprache der Renaissance. Über seinen künstlerischen Wert hinaus ist gerade dieser Altar für die lutherische Gemeinde wegen seiner Darstellungen von Bedeutung: Eindeutig stehen Passah und Abendmahl im Zentrum: Christus als das Passahlamm des neuen Bundes gibt sich selbst dahin an die kommunizierende Gemeinde. Darüber sehen wir das alte Motiv des 2.Artikels ,niedergefahren zur Hölle” in reformatorischer Sicht von Gesetz und Evangelium. Adam ist gebunden durch das Gesetz, dessen sich der Satan bemächtigt hat. Christus hat den Tod besiegt, das Gesetz erfüllt und führt den verlorenen Menschen heraus. Alles bekrönt die heilige Dreifaltigkeit mit dem Heiland der Welt als Abschluß.

Im Hauptschiff finden wir das zweite große und wohl auch letzte urkundlich gesicherte Werk des Meisters Hans Hacke von 1612. Die Kanzel ist der Höhepunkt seines Schaffens. Wie ein kostbares Renaissancemöbel mit Zierat und Ornamenten beschlagen, mit realistischen Fruchtbüscheln und ausgeprägten Masken geschmückt, schwingt sie sich um den nördlichen Pfeiler der alten Kirche. Gegenüber den älteren Altarreliefs ist hier die ganze Landschaft perspektivisch einbezogen und die Darstellung wird so zur anschaulichen Handlung. Den Schutzpatron der Kirche, St. Jacobus d. Ä., mit seinem markanten Gesicht und als Pilger gekleidet, hat der Künstler vor die, den Kanzelkorb tragende Säule gestellt.
Der Entwurf wurde vom fünften lutherischen Pastor an St. Jacobi, Daniel Mahs, mit entworfen. EIner seiner Vorgänger, Johannes Walter, als 2. lutherischer Pastor dieser Gemeinde, hatte im Jahre 1577 die Konkordienformel (abgekürzt FC) mit unterzeichnet. Dies wichtige, kirchenbildende Bekenntnis des Luthertums ist hier unter dem Einfluß dieser orthodoxen Persönlichkeit, des kunstfreudigen Pastors Mahs entfaltet worden. Sie schließt trotz zeitlicher Differenz von einem Jahrzehnt Kanzel und Altar zu einem Programm zusammen.
Genießen Sie die Betrachtung der Bilder bei einem Besuch unserer Kirche.

Wandmalerei

Weiterer Beachtung wert sind die Wandmalereien aus dem Ende 15. Jahrhunderts am Ostabschluß der Seitenschiffe. Auf der Nordseite: Das jüngste Gericht.
auf der Südseite: der heilige Christopherus.
Am Pfeiler der Kanzel gegenüber der St. Blasius und eine ältere Kreuzigungsgruppe.

Kulturhistorisch und frömmigkeitsgeschichtlich interessant sind die vielen gut erhaltenen Epitaphien.
Nicht zu übersehen ist das des schon erwähnten langjährigen Jakobipastors Daniel Mahs, der Kanzel gegenüber, sowie das, von gleicher Hand geschaffene, des Kanzelstifters Johann Lüderitz im nördlichen Seitenschiff.